Lieber frei als sicher?

Es ist ein gewagter, aber spannender Vergleich, die Debatte um die Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen wie das Problem zu betrachten, das eine Gruppe Stachelschweine in kalten Winternächten lösen muss. Jedenfalls zeigt uns Arthur Schopenhauer mit seiner 1851 veröffentlichten Parabel von den Stachelschweinen, dass man nicht alle Ideale verwirklichen kann und sich besser um einen maßvollen Kompromiss bemühen sollte:
In frostigen Nächten wollen sich Stachelschweine vor der Kälte schützen, indem sie sich eng zusammenstellen. Sie drängen dabei aber so dicht aneinander, dass sie sich gegenseitig mit ihren Stacheln verletzen.
Die Tiere verfolgen zwei Ziele, die sich nicht miteinander vereinen lassen: Wärme und Schmerzfreiheit. Das höchste Maß an Wärme können sie nur dann erreichen, wenn sie bereit sind, den von den Stacheln der Anderen verursachten Schmerz zu ertragen. Sicherheit vor Verletzungen gibt es nur mit weitem Abstand. Dann können sie sich aber nicht mehr gegenseitig wärmen. Beide Ziele schließen sich gegenseitig aus. Die Stachelschweine können sich nicht zugleich vor der Kälte und Verletzungen schützen.
Was ist vorrangig? Wieviel Schmerz durch Verletzungen oder Kälte sollten sie in Kauf nehmen?

 

Strukturell ähnelt dieses Problem der Diskussion um die Corona-Maßnahmen: Wir können nicht zugleich die Gesundheit der Risikogruppen und die bürgerlichen Freiheiten schützen. Schutz der Gesundheit und Freiheit schließen einander aus. Auch hier fragen wir uns: Was ist vorrangig? Wieviel Risiko oder Unfreiheit sollten wir in Kauf nehmen?

 

Für die ehemalige Verfassungsrichterin Evelyn Haas gab es das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit nicht, als sie sich 2006 im Streit um die Rasterfahndung gegen (islamistischen) Terror darauf bezog, dass „jeder Zugewinn an Sicherheit auch ein Freiheitsgewinn“ sei.
Stimmt das? Mehr Sicherheit bedeutet mehr Freiheit?
Wenn man selbst in Sicherheit ist, kann man sich ungezwungen, also frei, bewegen. Ohne Sorgen um das eigene Wohl zu leben, macht uns freier. Jeder Risikopatient wünscht sich die Sicherheit der Zeit vor Corona zurück, weil sie Freiheit ermöglicht.

 

Die Mehrheit der Bevölkerung blickt aus einer anderen Perspektive auf das Problem: Ihnen geht es um die eigene Freiheit, aber auch um die Sicherheit der anderen. Ob man nichts zu befürchten hat oder mit seinem Verhalten selbst der Anlass für die Furcht anderer ist, sind völlig verschiedene Ausgangspositionen.
Wenn wir uns in der Öffentlichkeit frei bewegen, nehmen wir nur unsere freiheitlichen Rechte in Anspruch. Der Rechtsanspruch auf ein Gut entlastet uns aber nicht von der Verantwortung für die Folgen der Inanspruchnahme des Guts. Verantwortung ist die Kehrseite der Freiheit. Wer in der Corona-Krise seine bürgerlichen Freiheiten ausleben möchte, muss so starke Gründe dafür haben, dass auch die dadurch ausgelösten möglichen bzw. wahrscheinlichen Nebenfolgen gerechtfertigt werden können.
Wenn Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in einer durchaus missverständlichen Formulierung darauf hinweist, dass die „Würde des Menschen (…) nicht ausschließt, dass wir sterben müssen“, ist damit kein Freibrief erteilt, sich über die Verantwortung für die Sicherheit der anderen zu erheben. Denn zwischen der (nichtverursachten) Tatsache, dass wir sterben müssen, und der (verursachten) Verkürzung der Lebenszeit besteht ein Unterschied. Das, was wir wissentlich (mit)verursachen, müssen wir auch rechtfertigen können.

 

Wir wollen und dürfen frei leben. Dafür steht in Schopenhauers Erzählung das Streben der Stachelschweine nach körperlicher Nähe. Die dadurch einander zugefügte Verletzung ist in unserer Situation der Anstieg der Sterberate. Sie kann die Folge einer unbeschränkten Lebensweise sein.

 

Die Stachelschweine lösen das Problem, indem sie lernen:
In der ersten Nacht verletzen sie sich gegenseitig, weil sie zu dicht stehen. In der zweiten Nacht frieren sie, weil sie sich zu weit voneinander entfernt haben. Erst in der dritten Nacht haben sie die richtige Distanz gefunden: Sie spüren die Wärme und können das Stechen und Pieken der Stacheln ertragen, ohne sich ernsthaft zu verletzen.

 

Das rechte Maß ist also dann gefunden, wenn „verletzungsfreie Freiheit“ möglich ist. Schmerzen werden graduell in Kauf genommen, da beide Bedürfnisse (Wärme und Schmerzfreiheit bzw. Freiheit und Sicherheit) nicht im vollen Umfang befriedigt werden können. Freiheit und Sicherheit sind Ideale, die in diesem Leben niemals absolut erfüllt werden können. Eine Steigerung der Freiheit und der Sicherheit ist jederzeit denkbar, wir sind niemals absolut frei oder absolut sicher. Die vollumfängliche Verwirklichung dieser Ideen kann nicht unsere Aufgabe sein – wohl aber die Regulierung unseres Zusammenlebens nach ihrer gemeinsamen Maßgabe. Für sich genommen sind Freiheit und Sicherheit maßlos. Deshalb können sie auch nicht das Motiv unseres Handelns sein. Unser Ziel ist es, so wie die Stachelschweine es vorgemacht haben, das rechte Maß zu finden. Damit ist der bestmöglich erreichbare Zustand als Kompromiss bzw. Angemessenheit gemeint. Es geht darum, die richtige Distanz zu finden, in der wir in möglichst geringem Ausmaß auf bürgerliche Freiheiten verzichten, uns aber auch nicht zu stark gefährden. Eine gute Entscheidung folgt nicht den maßlosen Idealen, sondern sucht das rechte Maß. Im Streit um Freiheit oder Sicherheit ist es nicht unsere Aufgabe, diese Ideen, sondern das Ideal des rechten Maßes zu verwirklichen.

 

Immer wieder hört man von Politikern, dass sie jetzt auf Sicht fahren würden. Damit meinen sie das, was die Stachelschweine vormachen: die Annäherung an das rechte Maß als ständiger Lernprozess. Auf dem Lernweg zum rechten Maß sind Fehler verantwortbar, aber nicht die Nebenfolgen einer klaren Entscheidung für oder gegen eines der beiden unerreichbaren Ideale.

 

In unserer Situation sind die Fehler lebensbedrohlich. Aber sind sie vermeidbar? Das bestmögliche politische Handeln kann diese Tragik nicht umgehen. Vielleicht war das der Sinn in Schäubles Worten?

 

 

Leitfragen für dieDiskussion:

 

1.      Verantwortung: Ist die Gemeinschaft für das Schicksal der Risikogruppen verantwortlich?

 

2.      Sicherheit: Sehen Sie Sicherheit als eine Bedingung oder ein Hindernis für Freiheit an?

 

3.      Verhältnismäßigkeit: Wo finden Sie die „richtige Distanz“ zwischen Sicherheit und Freiheit?

 

 

 

Nachtrag: Schopenhauer weist die Verantwortung des Einzelnen mit einer radikalen Lösung des Stachelschweindilemmas zurück: Mit der Parabel möchte er veranschaulichen, wie Höflichkeit und „gute Sitten“ entstehen und was ihre Funktion ist. Gesellschaftliche Umgangsformen regeln die Distanz unter den Menschen. Wie weit wir gehen können, ohne dass wir einander verletzen und wann wir uns verletzt fühlen dürfen, geben die sozialen Normen vor. Für Schopenhauer ist das aber keine Lösung. Wahre Freigeister lassen sich nichts vorschreiben. Sie müssen so stark sein, dass sie sich als Einzelgänger selbst genügen und nicht auf Geselligkeit angewiesen sind. Freiheit steht für Schopenhauer vor Sicherheit. Ihm war die Gesellschaft seines Pudels genug.