Philosophische Flaschenpost: Du bist, was du denkst

 

Michel de Montaigne (1533-1592) war ein wundersamer Mensch. Seine Zeit war nicht weniger turbulent als die unsere. Wir müssen die Verunsicherung und Bedrohung der Pandemie überstehen — Montaigne überlebte in Südfrankreich Religions-, Glaubenskriege und die Pest. Mit 38 Jahren zog sich der erfolgreiche Gerichtsrat und einflussreiche Diplomat auf sein Anwesen bei Bordeaux zurück, um sich ganz der Philosophie zu widmen. Seine Flaschenpost war der Essay, eine geistreiche Abhandlung ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.
In der Vorrede seines dreibändigen Werkes „Essais“ schreibt er: „Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buches.“ Wundersam ist daran, dass er in dieser Textsammlung über alle möglichen Themen des gewöhnlichen Lebens nachdenkt, sich in der erwähnten Vorbemerkung aber selbst zum Gegenstand seiner Überlegungen erklärt. Die kurzen und stilistisch freien Gedankenwege handeln beispielsweise von der Macht der Phantasie, von Knabenerziehung, Streitrossen, Orden und Ehrenzeichen, Daumen, Wagen und Hinkenden…

 

Dabei soll es um Selbsterkenntnis gehen?

 

Zunächst ist doch einmal bemerkenswert, dass Montaigne sich mit einem Schlag von der politischen Bühne verabschiedete, um im Bibliotheksturm seines Schlosses über das Leben zu philosophieren. „Genug für andere gelebt“, soll er zu sich gesagt haben, als er der vita activa den Rücken kehrte, um sich selbst in einem Zimmer sitzend zu ergründen. Während Montaigne sich mit dem Stillstand belohnte, fällt uns im Shutdown des öffentlichen Lebens vielleicht schon die Decke auf den Kopf: Ausgangsbeschränkung, Social Distancing und keinerlei kulturelle Veranstaltung zur Abwechslung. Für Montaigne war diese Lebenszeit, in der nichts passiert (vita contemplativa), die erfüllende.

 

Was bringt es uns selbst, wenn wir philosophieren?

 

Mit dem Philosophieren beginnt man, indem man alles in Frage stellt. Selbstverständliches und Gewöhnliches wird problematisch. Die einfachsten Begriffe müssen neu definiert werden. Denn je strenger man denkt, desto weniger starke Gründe und eindeutige Worte findet man. Sokrates war der Meister in der Verunsicherung seiner Gesprächspartner durch einfache aber unablässige Fragen. Was ist Gerechtigkeit? Was ist Liebe? Warum soll ich tugendhaft sein? etc. Philosophie verwirrt eher, als dass sie Klarheit schafft. Was jetzt als Wahrheit gilt, könnte sich morgen schon als Irrtum oder Täuschung erweisen. Eine Antwort eröffnet vier neue Fragen. Der mittlerweile 90jährige Jürgen Habermas stellte jüngst fest: „So viel Wissen über unser Nichtwissen und den Zwang unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“

 

Was treibt Montaigne an, dass er Unsicherheit, Verwirrung und Kontrollverlust für erstrebenswert hält?

 

An diesem Punkt sollten wir auf seine philosophischen Vorlieben eingehen. Der feinsinnige Hedonismus Epikurs und die Skepsis des Pyrrhon von Elis hatten es ihm besonders angetan. Ihm ging es also um die Freuden und den Genuss im (geistigen) Leben und um die unerschütterliche Gelassenheit derjenigen, an denen jeder Appell, sich einer offensichtlichen Wahrheit doch bitte anzuschließen, abprallt. So sind seine Texte auch zu lesen: Er hat sie geschrieben, nicht um die Wahrheit zu verkünden, sondern um Freude am Nachdenken zu haben. Es ging ihm tatsächlich um sich. Montaigne begründete die Kunstform des Essays als geistreiche Reflexion aus subjektiver Sicht.

 

Im täglichen Leben müssen (und wollen) wir funktionieren. Hier ist kein Platz für philosophische Besinnung. Wer zaudert und innehält bremst die Beschleunigung und senkt die Wachstumsrate. Unser Leben ist auf Erfolg aus, Zweifel verunsichert. Diese Instabilität können wir uns nicht leisten, wir optimieren uns durch Resilienz, damit wir noch stressresistenter sind und maximale Leistung abrufen können…
Montaigne hat sich selbst ausgebremst – für uns erledigt das Corona. Nun sitzen wir zuhause und lesen in den „Essais“ von Michel de Montaigne. Und langsam wird deutlich, was Montaigne am Zweifeln fasziniert: Wem es gelingt, ein Philosoph zu werden, dem wird der Zweifel zur geistigen Grundhaltung. Er geht vom Zweifel aus und er kehrt zu ihm zurück. Wer die Weisheit verstanden hat, dass alles auch anders sein könnte (Isosthenie), der gibt die sinnlose Jagd nach der Wahrheit auf. Wer aber nicht mehr nach etwas strebt, was er niemals erreichen kann, der kommt zur Ruhe. Diese Ruhe ist der innere Frieden des glücklichen Menschen. Für den Skeptiker ist der Zweifel das Mittel, den Seelenfrieden (ataraxia) zu erreichen. Montaigne philosophiert also um glücklich zu sein. Dabei reicht es aus, sich im Denken zu versuchen (frz. essai = Probe, Versuch); die Wahrheit zu finden ist eine Illusion, die der Philosoph überwunden hat.

 

 

Ist es auch das, was Sie beim besinnlichen Lesen der Flaschenpost suchen: Überwindung der Wahrheit?